Who is number two?
Nicht erst seit gestern ist Gewalt omnipräsent und zeigt sich als giftgrüner Einheitsbrei: In einem Topf brodeln Amokläufe, Hooliganismus, politische Gewalt, Autoraser, die ›Verrohung der Sitten‹, sexuelle Gewalt, soziale Unruhen und Rangeleien auf dem Pausenhof. Blätter steigern mit marktschreierischen Berichten über Mord und Totschlag ihre Auflagen, Sender ihre Einschaltquoten. Politiker mit ausgefeilten Anti-Rezepten sind auf Stimmenfang, Meinungsforscher_innen liefern Statistiken am Laufmeter und mal mehr, mal weniger originelle Köpfe schreiben Bestseller über das Phänomen, seine Ursachen und das, was dagegen zu tun sei.
Geprägt von Angst zeigt sich der herrschende Diskurs und auch von einer allgemeinen, man möchte sagen gleichgeschalteter Dämonisierung aller Gewalt. – Insbesondere jener, die sich wie auch immer der Ordnung des Bestehenden widersetzt. Als repressive oder präventive demgegenüber ist Gewalt legitimiert und (moralisch) gerechtfertigt, bezieht ihre Berechtigung eben gerade daraus, die andere, die ›bedrohliche‹ zu unterbinden. Ausser Kraft gesetzt ist da Pfarrers Mahnwort vom Zweck, der die Mittel eben gerade nicht heilige. Klar. Kommt Gewalt stets doch von Ex, dem diffusen Ausserhalb. Tentakel, die da greifen sind zahlreich: Ausländer rasen /, Killerspiele zerrütten die Seele der /, korrupte Beamte gefährden die bürgerliche /, der Islam erklärt der säkularen / den Krieg. Nach gesellschaftlichen Ursachen wird nicht gefragt, Gewalt vielmehr auf den moralischen Begriff des Bösen gebracht, das einbricht: in die Familie, in die Nation, in die gesellschaftliche Norm. Als Alien lackiert lässt ›Gewalt‹ sich so befehden. Symptombekämpfung ist angesagt: Taliban jagen in Afghanistan, Kaugummikauen im Unterricht verbieten, Überwachungskameras installieren, Knüppel aushändigen. Placet?
Die Moral von der Geschicht’: Eine Umkehrung dessen, was der liberale Rechtsstaat einmal als sein Credo erscheinen liess. Alles sei erlaubt, was nicht verboten ist, hiess es. Wie weit ist es gekommen. Alles soll nun verboten werden, was nicht explizit erlaubt sein soll? Den sichtbaren Spuren der Gewalt den Kampf zu erklären, darum geht es. Beinahe zum alleinigen Kriterium erhoben wird dabei irgendein ›subjektives Sicherheitsempfinden‹. Zunehmend prägt diese Haltung den herrschenden Diskurs und zieht eine Politik nach sich, die den öffentlichen Raum einer möglichst umfassenden Verwaltung unterwirft. Alle Formen des Dissenses dagegen scheinen diskreditiert. Jeder Konflikt, der nicht lediglich die Verwaltung des Status Quo variiert, stört den zum schützenswerten Gut verklärten Konsens. Gegen Unerwartetes, gegen grundsätzliche Auseinandersetzung und damit gegen Bestrebungen radikaler Veränderung dichtet sich das Bestehende so ab. Wo ein Konflikt explizite Formen annimmt, werden selbige sogleich zum Problem deklariert, bekämpft und zum Verschwinden gebracht. In der verwalteten Welt ist aller Widerspruch, der andere Regeln setzt, weil er mit den herrschenden nicht einverstanden ist, nichts anderes als ein Sicherheitsproblem.
Die Gewalt, die dieser Ordnung selbst inhärent ist, sowie die Ursachen und die systemischen Zusammenhänge, die den verschiedenen Ausbrüchen von Gewalt zugrunde liegen, werden demgegenüber nicht thematisch und dadurch unsichtbar gemacht. Dies zeigt sich in der Abdichtung des Bestehenden und seiner Logik gegenüber dem Möglichen. Ein System, das die eigene Gewaltförmigkeit ausblendet, lässt jene, die unter seiner Herrschaft stehen, in Angst zurück. Angst aber, weil sie diffuses ist, sucht nach einer Symbolisierung dessen, was sie verursacht. In einem Klima diffuser Ängste lässt sich so Sündenbockpolitik betreiben. Und es verhindert zugleich, aus den Verhältnissen, die Angst hervorbringen, auszubrechen.
...und aber....
Diese Gesellschaft, die sich in ihrem Bewusstsein und ihren Äusserungen gegen alle grundsätzlich anderen Möglichkeiten abdichtet, ist die Gesellschaft unter bürgerlicher Hegemonie: eine Hegemonie, die sich in westlich- ›demokratischen‹ Gesellschaften eins ums andere Mal äussert als xenophober oder anderweitig Ausgeschlossene und Entrechtete definierender Konsens derer Stimmen, die bemächtigt sind, sich Gehör zu verschaffen. Die Durchsetzung dieses Konsenses ist gleichbedeutend mit Entsolidarisierung zwischen den einzelnen Menschen und zwischen verschiedenen Gruppen. In seiner Festigung und seinem Ausbau ist das Funktionieren der etablierten Demokratien – inkl. ihrer propagierten Ausgangspunkte, als da wären Freiheit, Menschrechte und Menschenwürde – ad absurdum geführt. Konkret zeigt sich das in Verordnungen, die Vergehen definieren, welche jene zu Schuldigen werden lassen, für die die kapitalistische Gesellschaft kein Leben in Würde und Freiheit vorgesehen oder zu bieten hat. Wir sind Sozialschmarotzer, Asoziale, X, Sans-Papiers; und Legalität ist der Fetisch, der die Hintertreibung einstmals vom aufstrebenden Bürgertum aufgestellter ideologisch-ethischer Massstäbe rechtfertigt. Ironie der Geschichte? Werden Gesetze dazu verwendet, Gruppen zu definieren, auszuschliessen und zu entrechten, verlieren sie den letzten Anschein von Legitimität. Jedoch. Durch die schiere Existenz derer, die sie zu verwalten, beherrschen und neutralisieren trachtet, ist die bürgerliche Gesetzgebung in Frage gestellt. Sie bedarf des Repressions- und Zurichtungswerkzeugs: Polizei, Schule, Kulturindustrie. Der Betrieb darf nicht gestört werden, Tsunamis zum Trotz; ruhig soll es bleiben im Lande. Umso mehr die Bourgeoisie auch den Klassenkampf von oben führt, ist ihr daran gelegen, selbigen nicht sichtbar werden zu lassen. Viel lieber doch verbirgt sie sich hinter Verwaltungsapparaten und ihre Interessen hinter ökonomischen Notwendigkeiten.Die bürgerlich verfasste Demokratie erweist sich denn auch als gleichbedeutend mit der Abschaffung des Politischen zugunsten der Verwaltung des Bestehenden. Politik demgegenüber, um sie endlich hervorzukramen, ist nicht ruhig, kann nicht auf sich sitzen lassen. Politik unterbricht – den Courant Normale, die Debatte, das Fliessband, den Verkehr. In ihr verlangen die Anteilslosen ihren Anteil, sagt Jacques Rancière. Ernsthaft: Weil wir nicht auf uns sitzen lassen wollen, überhaupt, weil wir nicht wollen, nicht verwalten und verwaltet werden, darum wollen wir Politik, unsern Anteil eben. Ohne ›Gewalt‹ geht da nix? Wie lässt sich die bürgerliche Hegemonie, die sich als blosse Verwaltung des Bestehenden und seiner ›Notwendigkeiten‹ ausdrückt, durchbrechen? Differenziertere Hinsichten sind gefragt. Daher: Wie lässt Gewalt sich sichtbar machen, darstellen, ausdrücken und einsehen? Wie sich analysieren? Und schliesslich wie sich real durchbrechen und überwinden? Darum geht es in diesem Band, einigen Stoff bieten wir dazu: Wir werden repressive Gewalt einer Kritik unterziehen, strukturelle Gewalt sichtbar machen und schliesslich Ansätze zur Gewinnung eines positiven Gewaltbegriffs aufzeigen, in dem die Normalrealität der verwalteten Welt durchbrochen werden kann. So Gott – oder war es der Mensch? sind es wir? – will.
Das Respektive-Kollektiv
Wir freuen uns auf Feedback:post[at]respektive.org